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Sonntag, 21. Februar 2016

„Ich bin irr, aber nicht blöd“


Es ist wieder Samstag: Aus der Irrenanstalt in Buenos Aires wird gesendet.

„Wir waren Geistesgelähmte, nicht bereit für die irre Welt da draußen, für das internationale Irrenhaus“, ruft der bebrillte Hugo López ins Mikrofon. „Jetzt aber müssen wir beginnen, Politik zu machen: Stellt Euch als Abgeordnete und Senatoren auf!“ Einige nicken, andere sitzen lethargisch mit eingeknicktem Kopf im Kreis auf ihrem Stuhl. So auch der 33-jährige Federico López Bruno. Gerade eben hatte er noch eifrig mit sich selbst geredet, jetzt starrt er mit offenem Mund und weit aufgerissen Augen ins Nichts. Aus den Lautsprechern dröhnt ein eingespielter Satz: „Hallo Buenos Aires, hallo Argentinien, hallo Welt.“

Es ist Samstagnachmittag. Aus der psychiatrischen Klinik José T. Borda der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires wird live das Radioprogramm „La Colifata“ gesendet. Der Name ist nicht von ungefähr gewählt, das spanische Wort „colifata“ bedeutet liebevoll gesagt „durchgeknallt“. Patienten oder ehemalige Patienten sind hier die Radiomacher. Und nicht nur liebevoll, sondern auch stolz hört man sie während der fünfstündigen Sendung immer wieder mal Sätze sagen wie „Soy un loco – ich bin ein Irrer“ oder „Ich bin irre, aber nicht blöd“. Sie wissen, wo sie sind und wieso sie hier sind, und das ist völlig in Ordnung. Im Borda werden ausschliesslich Männer hospitalisiert, viele von ihnen sind schizophren oder manisch depressiv.
Neu dabei: Federico López Bruno sieht sich alles erst mal an.

Federico erwacht aus der Starre und verlangt nach dem Mikrofon. Er stellt sich vor. „Danke, dass ich hier sein darf.“ Heute ist es sein „erstes Mal“ bei der Colifata. Federico ist kein Borda-Patient, sein Psychiater hat ihm den Sender empfohlen. Federico erzählt seiner Hörerschaft, wieso Matetrinken intellektuell und der argentinische Cowboy – der Gaucho – ein Denker ist. Er erklärt, warum psychotische Menschen so viele Zigaretten rauchen. „Wir rauchen impulsiv, damit wir die Psychose ertragen können“, so der junge Argentinier. Nachdem er das Mikrofon wieder abgibt, stellt er rasch klar, dass er nicht psychotisch sei, sondern einfach immer wieder an seine Grenzen komme. Dann springt er auf und geht eine Zigarette suchen. Er raucht fünf Päckchen pro Tag.

Seit über zwanzig Jahren versammeln sich jeden Samstag die „locos“ in der Parkanlage des Psychiatriespitals – unter Bäumen, die Schatten werfen und wo Vögel zwitschern. Für einen Moment verlassen die Insassen die riesigen, grauen Zementblöcke des Borda, die auch innen trist und desolat sind. Aus den Lautsprechern hört man jetzt Reggae-Musik. Einige Patienten wippen auf ihren Stühlen hin und her. Vorne am Tisch, wo ein kleines Mischpult und ein paar Laptops stehen, sitzt und koordiniert der Psychologe und Colifata-Gründer Alfredo Olivera.

 „Es war der Versuch eine kommunikative Brücke zwischen den Internierten und dem Resten der Gesellschaft zu bauen“, so Olivera. „Die Menschen in der Psychiatrie sind nebst mit ihrer Krankheit noch mit einem viel schlimmeren Übel konfrontiert: der sozialen Ausgrenzung.“ Das Radio habe 1991 ohne politische, finanzielle und technische Unterstützung begonnen. Bereits nach einer kurzen Weile habe man bei den Patienten, die an der wöchentlichen Sendung beiwohnten, positive Veränderungen festgestellt. „Aufgrund Zuhörer-Reaktionen merkten die Internierten, dass das, was sie sagten, auf der anderen Seite der Mauer auch angehört wird“, erinnert sich Olivera. Heute wird der weltweit erste über Internet verbreitere Sender aus einer psychiatrischen Anstalt von zahlreichen argentinischen Rundfunkanstalten übermittelt und in Kliniken in Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland nachgeahmt.

Manchmal verlassen einige Radioteilnehmer die getraute Runde und verschwinden in die grauen Blocks der Klinik. Andere Patienten dagegen kommen daher geschlurft, gesellen sich neu dazu. Zum Teil sind sie sehr eigensinnig gekleidet: mit Wollkappen, obwohl Sommer ist, oder in Hosen, die beinahe herunterfallen. Hugo teilt über Mikrofon mit, er habe sich für den Friedensnobelpreis präsentiert. Später greift er nach der Gitarre, spielt und singt. Sein Nachbar steht auf und tanzt.

Hugo ist ein Urgestein bei der Colifata. Der 77-Jährige wurde vor über zwanzig Jahren für nur kurze Zeit ins Borda eingeliefert. „Was ich hatte, konnte mir nicht einmal der Psychiater sagen.“ Ihm haben letztendlich die Medikamente, Familie und Freunde – und die Colifata! – geholfen, um wieder gesund zu werden. Heute lebt er nicht mehr im Borda, besucht aber seit zehn Jahren jeden Samstag die Sendung. Hugo ist bis über die Landesgrenzen bekannt: Er stand mit Manu Chao auf der Bühne. Der spanisch-französische Sänger hatte mit den Borda-Insassen eine CD aufgenommen. Auch der weltberühmte US-Filmregisseur Francis Ford Coppola war von den Radiomachern gerührt, er liess 2009 die Colifata-Truppe in seinem Film „Tetro“ auftreten.

Das Mikrofon macht weiterhin die Runde. Bei „Radio la Colifata“ kommen Philosophen, Krieger des Lichts und Engel zu Wort. Einer der Patienten stellt sich als der Polizeikommissar der Provinz Buenos Aires vor. Über eine Stunde wird über Arbeit geredet und gestritten. Danach tragen Patienten selbst geschriebene Gedichte vor und schicken die ersten Neujahrsgrüsse in die Welt hinaus. Für Federico war dieser Samstagnachmittag „sehr bewegend“. Er werde ganz bestimmt wieder kommen. Er habe sich wunderbar amüsiert, denn: „So viele Irre an einem Ort potenzieren sich.“ (Camilla Landbø)

Sendung am Samstag von 14.30 bis 19.30 Uhr: www.lacolifata.org



Donnerstag, 10. November 2011

Eine Jungfrau die Pech bringt

Als sie noch im Fußballstadion stand: die Jungfrau Guadalupe.

Die 2,5 Meter hohe Statue ragte mitten im Fußballstadion in die Höhe. Beschützend schaute die Jungfrau Guadalupe auf das Feld und die Spieler des argentinischen Erstliga-Fußballclubs Colón. Doch der Club in der von Buenos Aires nördlich liegenden Provinz Santa Fe verlor seit Längerem ein Spiel nach dem anderen. Eines Tages fand man den Sockel, auf welchem die Statue gestanden hatte, leer. Über Nacht war Guadalupe vergangenen September verschwunden und niemand wusste wohin.

Die Argentinier singen, tanzen und schreien, bis die Stimme versagt. Sie leiden und feiern für ihren Fußballclub. Er ist mehr als nur ein Fußballclub, er ist Leidenschaft, Liebe, Leben. Wenn Argentiniens Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft ein Tor schießt, bebt Buenos Aires. Aus allen Häusern hört man Schreie, Gejauchze, Jubel. Wenn dagegen die Mannschaft ein Tor kassiert oder das Spiel verliert, ist plötzlich Totenstille in der argentinischen Hauptstadt. Eine bedrückende Stille - als ob jemand Bedeutendes gestorben, etwas Schlimmes passiert wäre. Für viele Argentinier ist der Fußball auch mehr als Leidenschaft und Liebe. Etwas Göttliches. Ja, etwas Übersinnliches. So wundert es nicht, dass Fußball und Aberglaube im südamerikanischen Land oft Hand in Hand gehen.

Fans, Spieler und Mitglieder des Fußballclubs Colón verzweifelten schier. Sie waren sich sicher: Die Jungfrau Guadalupe ist „mufa“. So nennen die Argentinier Menschen, Tiere und Sachen, die angeblich das Pech anziehen. Eine Großzahl Argentinier glaubt zum Beispiel, dass ihr früherer Präsident Carlos Menem (1989-1999) „mufa“ ist. Weswegen viele nicht einmal seinen Nachnamen aussprechen, wenn sie von ihm reden – damit das Pech nicht auf sie übergeht. Gegen Menem wurden schon allerlei skurrile Mittel eingesetzt: Der ehemalige argentinische Nationaltrainer Carlos Bilardo zog sich als Pechschutz rote Unterhosen an, wenn er sich mit dem Ex-Staatschef traf.

In 30 Spielen hatte Colón 21 Niederlagen erlitten. Und dann verlor der Club obendrauf gegen seinen ärgsten Rivalen Unión, den zweiten Erstligaclub der Provinz Santa Fe. Das brachte das Fass zum Überlaufen: Die Spieler holten einen Hexer, damit er das Stadion von „bösen Geistern“ befreie. Der blinde Geisterbeschwörer soll auf dem Spielfeld herumgelaufen sein und plötzlich gefragt haben: „Gibt es hier eine Jungfrau?“ Damit sahen sich die Spieler definitiv darin bestätigt, was sie seit langer Zeit vermuteten: Die Jungfrau Guadalupe bringt Pech. Ein paar Tage später verschwand sie. Die katholische Kirche protestierte, die Jungfrau sei kein Amulett gewesen. Die Justiz öffnete eine Akte.

In einem Communiqué teilte der Club mit, die Jungfrau sei lediglich in Restauration. Als Colón trotz Aufforderungen seitens der Kirche und Justiz ihren genauen Aufenthaltsort nicht preisgab, nahm medial der Druck zu. Zur Beruhigung veröffentlichte der Club in einer lokalen Zeitung Mitte Oktober ein Foto mit dem Bildhauer und der nun restaurierten Jungfrau. Die Menschen fühlten sich betrogen, schnell erkannte man nämlich, dass dies nicht die Originalstatue war.

Schließlich meldete sich Ende Oktober der Mannschaftskapitän in einem Schreiben an die Justiz: Auf dem Weg zum Restaurator sei die Statue leider vom Kleinlaster gefallen und kaputt gegangen. Deswegen habe derselbe Skulpteur eine neue aus Stein gemeißelt. Mehrere Menschen aus der Nachbarschaft des blinden Hexers berichteten allerdings, gesehen zu haben, wie die Statue bei ihm zerstört worden sei.

Glaube, Aberglaube und Hexerei: Alltag in der Fußballwelt. Religiöse Abbilder und Statuen begleiten Spieler auf ihren Reisen, Trainer verspritzen Weihwasser oder machen Mannschaftsaufstellungen nach den Sternzeichen der Spieler. Als Coco Basile den argentinischen Fußballclub Vélez Sársfield trainierte, schickte er 1990 gleich drei Spieler zu Hexern. Mehrere Niederlagen hatten ihn dazu bewogen. In von Kerzen beleuchteten Zimmern mussten die Fußballprofis, wie später einer von ihnen berichtete, sich nackt auf einer Liege ausstrecken. Verkleidete Männer tanzten um sie herum und sangen „Ba-ba-ba.“ Später als Trainer des bekannten Fußballclubs Boca Juniors ließ er seinen Hilfstrainer in dessen Hosentasche auf Talk herumkneten, wenn ein Gegenspieler angriff. Standen hingegen seine Spieler vor dem Gegnertor, musste der Hilfstrainer Talk auf die Schulter von Basile schmieren, das sollte Glück bringen. Eine Reihe anderer seltsamer Rituale hielt er auch als Trainer der argentinischen Nationalmannschaft ab, die er von 1991 bis 1994 und von 2006 und 2008 betreute.

Die neue Statue sollte bald im Stadion aufgestellt werden. Die Fans und Spieler glauben nach wie vor, dass die erste Jungfrau eine „mufa“ war. Denn seit sie weggeschafft wurde, hat Colón ein Spiel gewonnen und zwei mit einem Unentschieden beendet. War an der Geschichte doch was dran? (Camilla Landbø)


Freitag, 4. November 2011

BMW muss Reis und Leder aus Argentinien exportieren

Die Regierung von Cristina Fernández de Kirchner zwingt BMW dazu, künftig argentinische Produkte zu exportieren. Sonst dürfte der Hersteller in dem Land keine Autos mehr verkaufen. Damit will Argentinien seine Handelsbilanz aufmöbeln. Luxushersteller, die ihre Produkte in Argentinien verkaufen wollen, sollen auch dort produzieren. Andernfalls müssen sie Waren vom selben Wert der Einfuhren wieder exportieren.
BMW will kein eigenes Werk in Argentinien aufbauen und hat sich deswegen den strengen Vorgaben der Regierung gebeugt. Das Münchner Unternehmen wird künftig für den Bezug seiner Modelle Leder ausführen. Weil damit immer noch nicht dieselbe Summe exportiert wird, wie eingeführt wurde, verschifft der Autokonzern ab 2010 zudem Reis. BMW ist nicht der einzige Konzern, der eingelenkt hat: Porsche etwa exportiert Wein, Hyundai Erdnüsse und Mitsubishi Mineralwasser.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Lebenslänglich für den „blonden Todesengel"

Marineoffizier Alfredo Astíz hört sich das Urteil an.


Mit steinernem Gesicht hört sich der graumelierte Mann auf der Anklagebank den Urteilsspruch an. „Lebenslänglich für Alfredo Astíz“, liest der zuständige Richter vor. Im Gerichtssaal in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires bricht am Mittwochabend Jubel aus. Draußen vor dem Gerichtsgebäude umarmen sich die Menschen, die zu hundert die Urteilsverkündung über eine Großleinwand verfolgt haben. Im Chor rufen sie: „Mörder, Mörder, Mörder.“

Insgesamt standen 18 ehemalige Militärs im Rahmen der Megaklage ESMA wegen ihrer Verbrechen während der letzten argentinischen Diktatur (1976-83) vor Gericht. 16 von ihnen erhielten wegen Entführung, Folter und Mord in 85 Fällen lebenslänglich oder Strafen zwischen 18 und 25 Jahren. Zwei wurden freigesprochen. Zu den Opfern der Angeklagten zählten die französischen Nonnen Alice Domon und Léonie Duquet sowie Gründungsmitglieder der Menschenrechtsorganisation Mütter der Plaza de Mayo. 22 Monate hat der Prozess gedauert, über 160 Zeugen wurden aufgerufen, darunter Überlebende des Geheimgefängnisses ESMA.

Im Jahr 1976 putschten die argentinischen Militärs die demokratisch eingesetzte Präsidentin Isabel Martínez de Perón. Daraufhin begann ein systematisches Ausschalten von mutmaßlichen Gegnern. Die Uniformierten verfolgten alles, was ihnen links erschien, um „Ordnung im Land“ zu schaffen. Sie entführten unter anderem Studenten, Lehrer, Sozialarbeiter, Intellektuelle, Geistliche und Künstler. Die Diktatur Argentiniens gilt als die grausamste innerhalb Südamerikas. Menschenrechtsorganisationen zufolge wurden 30.000 Menschen zum Verschwinden gebracht.

Die Militärs installierten ein paar Hundert Geheimgefängnisse im ganzen Land. Dorthin wurden die Regimegegner gebracht, nachdem sie oft in Nacht- und Nebelaktionen verhaftet worden waren. In den Geheimgefängnissen wurden sie unter menschenunwürdigen Bedingungen gehalten und gefoltert, später meist umgebracht. In der ESMA, dem Schulungszentrum der Marine in Buenos Aires, wurde eines der größten Zentren aufgebaut. Rund 5000 Personen wurden dort festgehalten, nur wenige überlebten. Von der ESMA aus starteten außerdem viele der berüchtigten „Flüge des Todes“. Die Militärs luden Regimegegner in Flugzeuge und warfen sie aus der Höhe in den Fluss Río de la Plata.

Der „blonde Todesengel“, wie der Marineoffizier Astíz in Argentinien genannt wird, war besonders hinterlistig und brutal. Mit seinen guten Umgangsformen, einer auffallenden Hilfsbereitschaft und einem engelhaften Aussehen wusste er sich den Zugang zu Menschen zu verschaffen. Hinter der Fassade des netten jungen Mann steckte ein Folterer und Mörder. Im Prozess berichteten Zeugen wie er Gefangene mit Elektroschocks und Schlägen quälte. Ein Überlebender beschrieb den heute 59 Jahre alten Astíz als ein kalter und berechnender Mensch, der ohne Schuldgefühle alle hätte töten können.

Kurz nach dem Putsch gab sich Astíz als Bruder eines verschwundenen Dissidenten aus, um die Mütter der Plaza de Mayo auszuspionieren. In einer Kirche in Buenos Aires trafen sich jeweils viele dieser Frauen, die nach ihren verschleppten Kindern suchten. Astíz verriet die Namen jener, die der Organisation angehörten oder sie unterstützten wie die französischen Nonnen. Im Dezember 1977 kam es zu Verhaftungen. Die Leiche der Nonne Duquet fand man später angeschwemmt am Meeresufer, südlich von Buenos Aires. In seiner Abwesenheit erhielt Astíz für die Nonnen-Morde in Frankreich 1990 lebenslänglich.

Der blonde Todesengel und andere Militärs wie Ex-Diktator Rafael Videla wurden bereits nach der Diktatur 1985 für Mord, Folter und Entführungen von einem argentinischen Gericht schuldig erklärt. Ende 80er Jahre jedoch amnestierte der damalige Präsident Carlos Saúl Menem die Verurteilten. Erst mit Amtsantritt von Néstor Kirchner (2003-2007) wurden Prozesse gegen Diktatur-Verbrecher wieder ins Auge gefasst. Der Staatschef forderte, dass die Amnestiegesetze aufgehoben würden. Dem stimmte 2005 das Oberste Gericht zu. Seither werden zahlreiche Verfahren gegen Ex-Militärs, Polizisten und ihre Handlanger geführt. (Camilla Landbø)

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Argentiniens trauernde Witwe wiedergewählt

In ihrer Rede zeigte sich Präsidentin Cristina Kirchner traurig und glücklich zugleich.


Sichtlich berührt stellte sie sich im Wahlbunker ans Rednerpult. Mit weinerlicher Stimme gedachte sie ihres verstorbenen Mannes, mit selbstbewusster Stimme dankte sie ihrer Wählerschaft und betonte stolz: „Ich bin die erste Frau in Argentinien, die als Staatsoberhaupt wiedergewählt worden ist.“ Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner ist am Sonntag mit rund 54 Prozent der Stimmen in ihrem Amt bestätigt worden. Vor dem Regierungspalast Casa Rosada in der Hauptstadt Buenos Aires versammelten sich Tausende Anhänger auf dem Platz Plaza de Mayo. Mit Fahnen und Chorgesängen feierten sie den Sieg der 58-Jährigen. 

Nur ein Jahr davor sah es keineswegs danach aus, dass die Argentinier die kokette Staatsfrau wiederwählen würden. Sie waren müde von der Kirchner-Regierung, die sich durch einen konfrontativen und autoritären Führungsstil auszeichnete. Dann – im Oktober 2010 – erlag Cristinas Gatte und Ex-Präsident Néstor Kirchner (2003-2007) unerwartet einem Herzinfarkt. Die Beliebtheitswerte der Staatschefin nahmen wieder zu. Nicht nur, weil die trauernde Witwe in der Bevölkerung viel Mitgefühl erwirkte. Sondern auch, weil sie seither einen sanfteren Ton anschlägt.

Weiter besinnten sich die Argentinier, dass es ihnen wirtschaftlich besser geht, seit die Kirchners an der Macht sind. In der Tat verzeichnet das Land jährlich einen Wirtschaftszuwachs zwischen sieben und neun Prozent. Und soziale Regierungsprogramme haben Menschen aus armen Schichten die Haushaltskasse aufgebessert und deren Kindern den Zugang zu Bildung gesichert. Worüber Cristinas Wähler nobel hinweg schauten, sind die erneut ansteigende Inflation und die Korruptionsskandale, in welche die Regierung verwickelt zu sein scheint.

Eine Überraschung war Cristinas hervorragendes Resultat nicht: Eine Vorwahl zu den Präsidentschaftswahlen hatte es bereits angekündigt. Im August waren erstmals in Argentinien die Landesbewohner dazu aufgerufen, für Vorwahlen an die Urnen zu gehen. Eine Reform aus dem Jahr 2009 verlangt neu, dass sich Präsidentschaftskandidaten als solche erst „qualifizieren“. Cristina erreichte rund 50 Prozent der Stimmen, die drei Nächstplatzierten erzielten lediglich zwischen 10 und 12 Prozent. Das deutliche Resultat führte dazu, dass die gegnerischen Kandidaten bis zu den eigentlichen Wahlen einen eher langweiligen und oft inhaltslosen Wahlkampf führten.

Spannend blieb nur, was mit dem Präsidentschaftskandidaten Hermes Binner geschehen würde. Der bislang auf nationaler Ebene unbekannte sozialistische Politiker hatte ihn den Vorwahlen überraschend den vierten Platz belegt. Daraufhin berichteten alle Medien über ihn. Diese neue Popularität verhalf dem Doppelbürger, er besitzt sowohl den argentinischen als auch den schweizerischen Pass, zwei altbekannte Politiker zu überholen. Er schaffte es am Sonntag mit 17 Prozent der Stimmen auf Platz zwei. Sein Erfolg wird auf die helvetischen Wurzeln zurückgeführt: Er sei fleißig, korrekt und ehrlich.

Die rund 29 Millionen wahlberechtigten Argentinier wählten ebenso die Hälfte der Abgeordneten und ein Drittel der Senatoren neu. Cristinas „Frente para la Victoria“, ein Flügel innerhalb der populistischen Peronistenpartei, kann nun auch mit einem absoluten Mehr in der Abgeordnetenkammer rechnen. (Camilla Landbö)






Samstag, 22. Oktober 2011

Ein Schweizer will Präsident von Argentinien werden

Hermes Binner: Kämpft gegen soziale Ungerechtigkeit.

Der reservierte und meist bedacht wirkende Mann ist „die große Überraschung“ vor den Präsidentschaftswahlen in Argentinien, wie lokale Medien titeln. Kandidat Hermes Binner, der sowohl Schweizer als auch Argentinier ist, wurde vor rund zwei Monaten von einem Tag auf den anderen landesweit bekannt: In einer Vorwahl zu den Präsidentschaftswahlen erzielte er den vierten Platz. Dies, mit einem unerwarteten Resultat, das ihn nur knapp hinter zwei politischen Schwergewichten positionierte. Seither steigt seine Popularität. Alle Umfrageinstitute sichern ihm nun den zweiten Platz in den Wahlen am Sonntag zu. Dass die amtierende Staatschefin Argentiniens, Cristina Fernández de Kirchner, in der ersten Runde wiedergewählt wird, darüber besteht kein Zweifel.

Erstmals in Argentinien waren letzten August die Landesbewohner dazu aufgerufen, für Vorwahlen an die Urnen zu gehen. Eine Wahlreform vom Jahr 2009 fordert neu, dass sich Präsidentschaftskandidaten erst mit einem minimalen Stimmenanteil von 1,5 Prozent für die eigentlichen Wahlen „qualifizieren“ sollen. Die Vorwahlen dienten außerdem dazu, innerhalb einer Partei den besten Anwärter fürs Rennen um das höchste Staatsamt zu bestimmen. Da aber alle Wahlbündnisse nur einen Kandidaten aufgestellt hatten, wurde der Urnengang zu einem repräsentativen Testlauf, der den Gewinner vom 23. Oktober bereits festlegte. Die 58-jährige Cristina erreichte hervorragende rund 50 Prozent der Stimmen. „Seither ist der Wahlkampf langweilig und die kommende Wahl nur noch ein administratives Verfahren“, sagt der argentinische Politanalytiker Jerónimo Biderman Núñez.

Spannend blieb nur Binner, der in der Vorwahl rund zehn Prozent der Stimmen erzielt hatte. Wer ist dieser Mann?, fragten sich viele. Binners Großeltern waren Ende 19. Jahrhunderts vom Oberwallis nach Argentinien in die Provinz Santa Fe ausgewandert. In Rafaela, einer Stadt, die von Schweizern, Deutschen und Italienern aufgebaut wurde, kam Binner 1943 zur Welt. Bis heute hat er sein Bürgerrecht der Walliser Gemeinde Bürchen behalten.

Leise, aber stetig arbeitete sich Binner in den vergangenen Jahren in der von Buenos Aires nördlich gelegenen Provinz Santa Fe zu einem angesehenen Politiker hoch. Ehrlich, fleißig und korrekt sei er, sein Regierungsstil transparent. Das ist eher ungewöhnlich für südamerikanische Politiker und wird gerne auf seine helvetischen Wurzeln zurückgeführt. Der studierte Arzt politisiert seit über zwanzig Jahren in der Sozialistischen Partei, war bereits zweimal Bürgermeister der Provinzhauptstadt Rosario, dann Abgeordneter im Kongress. Seit 2007 ist er Gouverneur von Santa Fe - der erste Sozialist in der Geschichte Argentiniens der diesen Posten belegt.

Binners sozialdemokratisch ausgerichtete Politik will Gesundheits- und Bildungswesen ausweiten sowie die Armut und Korruption bekämpfen. Weiter möchte er Argentinien, das von der Hauptstadt Buenos Aires dominiert wird, dezentralisieren. „Wir sind die einzige wahre Alternative zur Regierung“, so der 68-Jährige.

Die Zeit der Präsidentschaftskandidaten Eduardo Duhalde und Ricardo Alfonsín hingegen scheint mit diesen Wahlen vorbei zu sein. Der linksliberale Alfonsín eifert allzu sehr seinem verstorbenen Vater und früheren Präsidenten Raúl Alfonsín (1983-1989) nach. Und Duhalde überzeugte zwar nach der Wirtschaftskrise 2001 als Übergangspräsident (2002-2003). Heute jedoch wird er als „etwas Altes“ bezeichnet. Vor ein paar Tagen hat er sich gegen die Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen.

Oktober 2010 verstarb unerwartet Cristinas Gatte und Argentiniens Ex-Präsident Néstor Kirchner (2003-2007) an einem Herzinfarkt. Daraufhin erlebte die trauernde Witwe einen Beliebtheits-Aufschwung. Der breite Zuspruch in der Bevölkerung hat aber ebenso damit zu tun, dass es den Argentiniern seit der Machtübernahme der Kirchners wirtschaftlich besser geht. Dank hoher internationaler Preise für Agrargüter und Rohstoffe verzeichnet das südamerikanische Land jährlich einen Wirtschaftswachstum zwischen sieben und neun Prozent. Sozialprogramme haben außerdem ärmeren Menschen etwa ihre Haushaltskasse aufgebessert und deren Kindern den Zugang zu Bildung gesichert. Nach der letzten Umfrage wird die kokette Staatsfrau mit rund 53 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Und Binner? Die Wahlexperten prognostizieren ihm ein gutes Resultat zwischen 15 und 20 Prozent.

Dieses Mal wird der Sozialist nicht siegen. Wie sieht es aber in den Präsidentschaftswahlen 2015 aus? „Ist möglich“, sagt Biderman Núñez. Allerdings nur, wenn der Schweizer Allianzen mit Politikern aus der populären Peronistenpartei bilde. Der größte Teil der Wähler komme nun mal aus diesem Lager.

Ein Problem gibt es noch: Die Argentinier mögen extrovertierte und charismatische Präsidenten, die mitreißende Reden halten. Etwas, was Binner nicht ist. Aber mit ein bisschen Image-Pflege könnte man bestimmt noch nachhelfen. (Camilla Landbø)

Sonntag, 17. Juli 2011

Späte Sühne für ermordete Studentin

Argentinische Militärs erschossen die Deutsche Elisabeth Käsemann.

Sie haben im geheimen Gefangenenlager «El Vesubio» gequält, gefoltert, gemordet. Am letzten Donnerstag sind in Buenos Aires zwei Ex-Militärs und fünf ehemalige Gefängniswärter für ihre Vergehen in den 70er-Jahren zu Haftstrafen von 18 Jahren bis lebenslänglich verurteilt worden. Ein achter Angeklagter – nach Zeugenaussagen der sadistischste – musste sich die Urteilsverkündung nicht anhören. Der 76-jährige Pedro Alberto Durán Sáenz, der einstige Chef des Folterzentrums, erlag im Juni einem chronischen Lungenleiden. Der Hauptverantwortliche für die Ermordung von Elisabeth Käsemann im Jahr 1977 starb damit ohne Strafe und in Freiheit.

Die Studentin stammte aus Tübingen und war die Tochter des bekannten evangelischen Theologen Ernst Käsemann. Sie studierte an der Universität in Berlin Soziologie. Ende 1968 reiste sie für ein Praktikum nach Bolivien. Die sozialen Missstände bewegten sie sehr und sie entschied, in Südamerika zu bleiben und gegen Armut und Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Seit 1971 lebte Käsemann in Buenos Aires und engagierte sich sozial in verschiedenen Armenvierteln. Als 1976 die Militärs in Argentinien putschten und Menschen zum Verschwinden brachten, schloss sich die Deutsche dem Widerstand an. Sie half den politisch Verfolgten, indem sie ihnen falsche Papiere zur Ausreise besorgte. Die Militärs hatten sie im Visier: Anfang März 1977 wurde sie in Buenos Aires von den Uniformierten entführt.

Während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 wurden mutmaßliche Regimegegner und Andersdenkende zu Tausenden verhaftet und in Geheimgefängnisse verschleppt. Ein paar hundert solcher Folterzentren sollen landesweit existiert haben. Das El Vesubio befand sich in der Nähe des internationalen Flughafens in Ezeiza, unweit der Metropole Buenos Aires. Hier wurde auch die damals 30-jährige Elisabeth Käsemann zum letzten Mal lebend gesehen.

Am 24. Mai 1977 wurde Käsemann mit anderen Gefangenen in der Nähe der Ortschaft Monte Grande in der Provinz Buenos Aires erschossen. Die Militärjunta informierte zwei Tage später, dass 16 Guerillakämpfer bei einem Feuergefecht mit dem Militär gefallen seien. Elisabeths Vater glaubte dies nicht und ließ nach der Überführung des Leichnams nach Deutschland eine weitere Obduktion vornehmen. Das Resultat: Vier Schüsse von hinten aus unmittelbarer Nähe, typische Merkmale einer Exekution.
Um die 100 Deutsche oder Deutschstämmige wurden in Argentinien ermordet. Die damalige deutsche Regierung soll sich kaum um ihre Staatsbürger bemüht haben. Andere westliche Regierungen wie Frankreich oder die USA hatten politischen Druck ausgeübt und auf diese Weise ihre Landsleute gerettet. Deutschland hingegen zog es vor, die wirtschaftlich interessante Beziehung zu Argentinien nicht zu trüben.

Dies änderte sich mit der Zeit: Ab 1999 wurde im Fall Käsemann von Deutschland aus intensiv ermittelt. Das Amtsgericht Nürnberg erließ sogar 2002 und 2003 internationale Haftbefehle gegen Militärs, unter anderem gegen den ehemaligen Junta-General Jorge Videla und gegen Durán Sáenz. Argentinien lehnte ab, die Prozesse sollten im eigenen Land geführt werden. Seit 2005, seit Aufhebung der Amnestiegesetze, die die Militärs vor Gerichtsverfahren geschützt hatten, werden in Argentinien zahlreiche Prozesse gegen Verbrecher der letzten Diktatur geführt.

Im El-Vesubio-Prozess trat Deutschland als erstes europäisches Land als Nebenkläger auf. Die Bundesregierung begrüßte das Urteil der argentinischen Justiz. Dies sei eine Stärkung des Rechts und ein ermutigendes Zeichen für den Respekt vor den Menschenrechten in Argentinien und anderswo, sagte ein Sprecher des Aussenministeriums am Freitag in Berlin. Da nun Recht gesprochen worden sei, betrachte die Regierung ihr Engagement in diesem Fall als Erfolg. (Camilla Landbø)

Samstag, 14. Mai 2011

Bergoglio soll von Baby-Raub gewusst haben

Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Bergoglio, muss als Zeuge aussagen.

Kardinal Jorge Bergoglio wird in einem laufenden Prozess gegen Militärs der letzten argentinischen Diktatur als Zeuge aufgerufen. Dies hat letzten Montag das zuständige Gericht entschieden. Der Erzbischof von Buenos Aires soll von dem systematischen Raub von Neugeborenen gewusst haben, sagte eine Zeugin Anfang Mai aus.

Die Schwester der Zeugin war 1977 von Militärs in der Provinz Buenos Aires entführt und später ermordet worden. Bei der Festnahme war die Frau im fünften Monat schwanger. Das Kind gebar sie in Gefangenschaft, wie die Familienangehörigen auf Umwegen erfuhren. Sie suchten verzweifelt nach der Mutter und ihrem Neugeborenen. Dabei sollen sie Hilfe bittend auch Briefe an den damaligen Vorgesetzten der Ordensprovinz der Jesuiten gesandt haben – an Bergoglio. Die Zeugin legte vor rund zwei Wochen die Briefe aus den 70er Jahren den Richtern vor, die zwischen Bergoglio und den Familienangehörigen hin- und hergegangen waren. Pikant an der Sache: Bergoglio musste bereits im November 2010 in einem Prozess gegen Diktaturverbrecher aussagen. Dabei versicherte er, dass er erst vor zehn Jahren erfahren habe, dass während der Militärdiktatur Mütter ihrer Kinder beraubt wurden.

Von 1976 bis 1983 regierte in Argentinien eine Militärjunta. Mutmaßliche linksgerichtete Regimegegner wurden verfolgt, oft in Nacht- und Nebelaktionen verhaftet, in Geheimgefängnissen gefoltert und getötet. Ihre Leichen wurden verscharrt, verbrannt oder aus Flugzeugen in den La-Plata-Fluss geworfen. Nach deren Überresten suchen viele Familienangehörige noch heute. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Verschwundenen auf mindestens 30.000.

Unter den Verschleppten befanden sich zahlreiche schwangere Frauen. Sie gehörten zu den Gefangenen mit Sonderbehandlung, die etwa eine anständige Mahlzeit erhielten. Nach der Geburt des Kindes wurden die Mütter meist umgebracht und das Neugeborene kinderlosen Militärs überreicht oder zur Adoption frei gegeben. Die Abuelas de Plaza de Mayo, die Großmütter der verschwundenen Kinder, schätzen, dass rund 500 Babys inhaftierten Frauen entrissen worden sind. Mittels DNA-Analysen konnten die Großmütter bis heute 103 solche Kinder, die unter falschen Namen in fremden Familien aufgewachsen sind, ausfindig machen. Wegen des Baby-Raubs stehen seit Februar unter anderem die ehemaligen Juntachefs Jorge Videla und Reynaldo Bignone sowie ein Arzt vor Gericht.

Der katholischen Kirche wird immer wieder vorgeworfen, dass sie während der Militärdiktatur mit der Junta kooperiert habe. Besonders die Kirchenleitung solle sich für die Verschwundenen nicht interessiert und zudem Leute aus der eigenen Reihe verraten haben, bestätigen etwa Menschenrechtsorganisationen, selbst Priester. Vor rund drei Jahren wurde außerdem der ehemalige Polizeikaplan Christian von Wernich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der Priester war an Folterungen, Entführungen und Morden während der Diktatur beteiligt gewesen.

In der Kirche gab es damals auch andere Strömungen. Zahlreiche Geistliche setzten sich für die gefangenen Regimegegner und ihre Angehörigen ein oder kämpften für die Armen in den Elendsvierteln Argentiniens. Mindestens zwanzig Priester wurden wegen ihres politischen und sozialen Einsatzes umgebracht. Wegen des Mordes an den Bischof von La Rioja, Enrique Angelelli, muss sich Ex-Diktator Videla bald schon vor Gericht verantworten. Der Bischof war 1976 in einem dubiosen Autounfall ums Leben gekommen. Am Tag seines Todes hatte er versucht, das Schicksal zweier ermordeten Priester aufzuklären. Die Unterlagen, die er auf der Fahrt dabei hatte, tauchten später beim argentinischen Innenminister Albano Harguindeguy auf.

Kardinal Bergoglio kann entscheiden, ob er vor Gericht erscheint, die Aussage in seiner Residenz macht oder sich schriftlich äußert. Das ist ein Recht, das „hohen kirchlichen Würdenträgern“ eingeräumt wird. Die Menschenrechtsorganisation Abuelas de Plaza de Mayo, die als Klägerin auftritt, kritisiert diese „spezielle Behandlung“ scharf. Ihr Anwalt betonte, das sei unakzeptabel, wenn man in Betracht ziehe, dass die Verfassung Argentiniens laizistisch ist. (Camilla Landbø)

Sonntag, 10. April 2011

Wenn das Leben einem nicht mehr gehört

Argentinien: Mehrstöckige Blechunterkunft für Arbeiter.

Eingesperrt und zusammengepfercht: Auf einem großen Landwirtschaftsbetrieb rund 450 Kilometer von Buenos Aires entfernt schufteten und lebten 205 Bolivianer unter sklavenähnlichen Bedingungen. Vergangene Woche wurden sie auf Anordnung des Ministeriums für Sicherheit in einer Großaktion befreit. Wöchentlich, manchmal täglich, berichten in letzter Zeit argentinische Medien über die Rettung von zur Arbeit gezwungenen Menschen. Auf was die Sicherheitsleute bei den Durchsuchungen stoßen, scheint manchmal unwirklich. So trafen sie in einer illegalen Nähwerkstatt auch schon mal auf eine Frau, die mit Fußfesseln am Boden festgemacht war. Damit sie am Platz bleibt – und stundenlang näht.


Kinder, Frauen und Männer werden in Argentinien in landwirtschaftlichen Betrieben und in Nähereien versteckt ausgebeutet. Vielen von ihnen hat man eine gute Arbeit kilometerweit weg von Zuhause versprochen. Eben angereist in die fremde Stadt, nehme ihnen die Menschenhändler Ausweis oder Pass weg. Sie werden in miserablen Unterkünften gehalten, schlafen auf dem Boden oder Holzbrettern und erhalten einen Hungerlohn - Essen und andere Ausgaben abgezogen. Die Opfer kommen aus den untersten sozialen Schichten, meistens aus den ärmeren nördlichen Provinzen Argentiniens oder den Nachbarländern Paraguay, Peru und Bolivien. Jungen Frauen wiederfährt oft ein anderes Schicksal: In Bordellen zwingen sie Zuhälter unter Drohungen und mit Schlägen zur Prostitution.

Nach Angaben der Organisation La Alameda arbeiten im südamerikanischen Land über eine halbe Million Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen. La Alameda setzt sich für die Befreiung von Ausgebeuteten und für bessere Arbeitsbedingungen für Angestellte ein. Ihre Mitglieder protestieren vor Fabriken und Unternehmen, wo Sklavenarbeit gemeldet wurde. Manchmal stürmen sie Bordelle und suchen nach gefangen gehaltenen Frauen. La Alameda gehört außerdem dem argentinischen Netzwerk „Red No a la Trata“ - Nein zu Menschenhandel - an. Dieses registrierte in den vergangenen achtzehn Monaten 600 Frauen, die im Land für die sexuelle Ausbeutung entführt worden sind.

Nach Angaben des 2010 veröffentlichten Berichts zu Menschenhandel des US-Außenministeriums sind im Jahr 2009 254 Hausdurchsuchungen in Argentinien durchgeführt worden. Dabei wurden 421 Ausgeutete gerettet. Im Land würden allerdings nicht nur Sklavenarbeiter rekrutiert und gehalten, so der Bericht, der südamerikanische Staat sei auch Transitland. Die Opfer würden über Argentinien nach Chile, Brasilien, Mexiko und einige sogar nach Europa gebracht.

Die Metropole Buenos Aires scheint auf den ersten Blick eine Stadt mit europäischen Standards und Regeln. Blickt man hinter die Fassaden, merkt man rasch, dass dem nicht so ist. Ende März verurteilte auch Kardinal Jorge Bergoglio die Sklavenarbeit in der argentinischen Hauptstadt. „Mit Schmiergeldern ist hier alles möglich“, sagte der Erzbischof in einer Messe. Fährt man außerdem ein paar Minuten über die Stadtgrenze hinaus, bröckelt Buenos Aires´mondänes Anlitz schnell: Man ist in Südamerika – so wie man es sich vorstellt. Besonders gegen Süden sind viele Ortschaften heruntergekommen, mit ärmlichen Behausungen. Im Großraum Buenos Aires werden zahlreiche illegale Nähereien betrieben.

Seit 2008 sind Sklavenarbeit und sexuelle Ausbeutung in Argentinien strafbar. Mehrere Spezialeinheiten gegen den Menschenhandel sind auf regionaler und nationaler Ebene gebildet worden, Hausdurchsuchungen haben zugenommen und die Zahl angemeldeter Arbeitskräfte ist gestiegen. Im US-Bericht werden die Fortschritte gelobt, dennoch genügten die Bemühungen der Regierung nicht. Zu wenige Gerichte etwa hätten angeklagte Menschenhändler verurteilt. Und korrupte Polizisten, Richter und Politiker verhinderten effektive Maßnahmen gegen die Sklavenarbeit. Wenn es um fachliche Betreuung der Opfer geht, mangele es zudem an staatlichen Institutionen. Besonders Nichtregierungs-Organisationen und kirchliche Stellen kümmern sich um die Befreiten und ihre Angehörigen.

Sitzend protestierten letzten Mittwoch Parlamentarier und Mitglieder sozialer Bewegungen vor dem Kongresshaus in Buenos Aires. Sie forderten bis Mitte Jahr die Reform des Menschenhandel-Gesetzes. Ein Entwurf dazu liegt im Kongress bereits auf, aber die Mühlen mahlen langsam. Die Demonstranten verlangen: Menschenhandel als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzusehen.
(Camilla Landbø)

Ex-Diktator Videla soll wegen Bischofsmord vor Gericht


Wegen des Mordes an einem Bischof hat ein Bundesrichter in Argentinien am letzten Donnerstag die Festnahme von Ex-Diktator Jorge Videla angeordnet. Der Menschenrechtsaktivist und Bischof Enrique Angelelli wurde während der letzten argentinischen Diktatur (1976-1983) umgebracht. Die Militärjunta hatte als Todesursache des Geistlichen stets einen Verkehrsunfall angegeben. Nebst Videla werden in diesem Fall auch sein damaliger Innenminister Albano Harguindeguy und weitere zwölf Personen angeklagt. Der 85-jährige Videla sitzt bereits für anderen Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur eine lebenslängliche Haftstrafe ab.

Bischof Angelelli war 1976 auf dem Weg nach Buenos Aires bei einem willkürlichen Verkehrsunfall ums Leben gekommen. In seinem Auto soll er Akten mit Informationen zu Morden an zwei anderen argentinischen Bischöfen, Carlos Murias und Gabriel Longuevilley, mit dabei gehabt haben. Den Anklägern zufolge seien diese Dokumente später beim Innenminister Harguindeguy aufgetaucht. Damaliger Mitfahrer und einer der heutigen Kläger Arturo Pinto überlebte den Unfall. Er versichert, Angelelli und er seien von einem anderen Auto mit mehreren Insassen verfolgt, von der Straße abgedrängt und zum Überschlagen gebracht worden. Der Bischof sei auf der Unfallstelle liegen gelassen worden und später dort gestorben.

Während der Militärdiktatur sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen rund 30.000 mutmaßliche Regimegegner ermordet worden. Darunter befanden sich rund zwanzig katholische Geistliche, die sich gegen die Militärjunta geäußert hatten oder im sozialen Bereich etwa in Armenvierteln sehr engagiert waren. Die Regimegegner wurden oft von Paramilitärs in Autos verfolgt und entführt, dann in Geheimgefängnissen gefoltert und umgebracht. (cal)

Mittwoch, 23. März 2011

„Wovor soll ich noch Angst haben?“

Kämpferische Frau: Susana Trimarco mit Enkeltochter Micaela.

Susana Trimarco sucht seit neun Jahren ihre entführte Tochter in Bordellen  - zum Teil als Puffmutter verkleidet. Durch ihren Kampf gegen den Menschenhandel hat sie in Argentinien vieles bewegt, auch juristisch.

Unendliche Weiten. Staubige Straßen, viele ungeteert. Abgelegene Häuser und Ortschaften, darunter einfache und armselige. Die Fahrt durch die nördliche Provinz Tucumán in Argentinien, etwa 1300 Kilometer von Buenos Aires entfernt, lässt einiges erahnen: mangelhafte Kontrollen, spärliche Staatsstrukturen, zuweilen wildwestähnliche Zustände. Innerhalb eines Jahres verschwanden hier mindestens 700 Mädchen und Frauen. Einige, von einem Tag auf den anderen.

„Susana ist nicht da“, heißt es beim Besuch in der Stiftung María de los Angeles in der Provinzhauptstadt San Miguel de Tucumán. Sie sei früh am Morgen Hals über Kopf abgereist – nach La Rioja, einer anderen Provinz im Nordwesten. Die Gendarmerie hat dort kurzum mit Ausgrabungen begonnen. „Sie suchen nach den Überresten von Marita.“

Marita Verón ist vor rund neun Jahren entführt worden. Sie verließ das Haus ihrer Eltern an einem Morgen früh, um sich beim Gynäkologen eine Spirale einsetzen zu lassen. Die 23-Jährige und ihr Partner hatten entschieden, vorerst keine Kinder mehr zu kriegen. Spätestens zum Mittagessen wollte Marita bei ihren Eltern und ihrem damals dreijährigen Mädchen zurück sein. Sie kam nie wieder.

„Bin gleich wieder da.“ Das seien die letzten Worte gewesen, die sie von ihrer Tochter am 3. April 2002 gehört habe, erzählt Susana Trimarco in ihrer Wohnung in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, wo sie oft Zwischenhalt macht. Trimarco wirkt erschöpft, sie arbeitet unaufhörlich. Sie reist in Argentinien von einem Ort zum anderen, besucht Fernsehprogramme, hält Vorträge über Frauenhandel, trifft sich mit Politikern und: sucht ihre Tochter. Soeben ist sie von La Rioja zurückgekehrt. Die Ausgrabungen sind beendet. „Wir haben nichts gefunden“, sagt die kleine Frau – einerseits erleichtert, andererseits müde.

Der Frauenhandel hat in den vergangenen Jahren in Argentinien an Aktualität gewonnen. Die Medien berichten regelmäßig von vermissten Frauen und von sexuell Ausgebeuteten, die die Polizei befreit hat. Auch die Regierung hat inzwischen eingesehen, dass im Land Menschenhandel im organisierten Stil existiert.

„Als sie um zwei Uhr immer noch nicht auftauchte, wusste ich, etwas ist passiert.“ Ihre Tochter sei immer sehr verlässlich gewesen. „Wir befürchteten einen Autounfall.“ Erst suchten Trimarco und ihr Mann den Gynäkologen auf. Dort war Marita angeblich nie angekommen. Sie fuhren durch die Straßen, klapperten Polizeistellen und Spitäler ab. Nichts. Als sie schließlich eine Vermisstenanzeige aufgeben wollten, weigerte sich der zuständige Polizist: „Machen Sie sich keine Sorgen, die ist mit einem Freund unterwegs.“ Außerdem, so der Polizist lakonisch, habe er ohnehin kein Papier, um die Anzeige aufzunehmen. „Mein Mann ging in den nächsten Laden, kaufte einen Schreibblock“, erinnert sich Trimarco und lacht zum ersten Mal ein wenig. Erst als nahezu 50 Freunde und Familienangehörige das Kommissariat in Beschlag nahmen, setzte sich die Polizei in Bewegung.

Die genaue Zahl der in Argentinien zur Prostitution Gezwungenen ist ein riesiges Fragezeichen. Wenn Anzeigen von verschwundenen Frauen im besten Fall aufgenommen werden, figurieren sie unter „Flucht von zu Hause“ oder „Verschwinden einer Person“. Nach einer Erhebung der Internationalen Organisation für Immigration (IOM) wurden im Jahr 2006 in Argentinien rund 400 Frauen zur Prostitution gezwungen. Eine sehr zweifelhafte Zahl. Wenn man bedenkt, dass die Stiftung María de los Angeles von Susana Trimarco von Oktober 2007 bis Oktober 2008 alleine schon rund 700 Sexsklavinnen registriert hatte  – nur in der Provinz Tucumán.

Hundertmal, wenn nicht tausendmal hat Trimarco die Geschichte bereits erzählt. Sie tut es heute noch, als ob sie erst gestern passiert wäre. „Drei Tage später erhalte ich einen anonymen Anruf“, sagt die 56-Jährige. „Die Person teilt mir mit, sie habe gesehen, wie drei Männer meine Tochter schlugen und in ein Auto eines bekannten Taxiunternehmens von San Miguel de Tucumán zerrten.“ Trimarco vervielfältigte ein Bild ihrer Tochter und tapezierte damit die Stadt. Taxifahrer rissen die Plakate wieder ab. Gemeinsam mit ihrem Mann lief sie den Strich im Rotlichtmilieu auf und ab, suchte nach Hinweisen. Am siebten Tag wurde ihr Mann von einer Prostituierten angesprochen. Sie wisse, was mit Marita geschehen sei, sagte die 13-Jährige. „Man hat sie entführt und für 2500 Pesos (500 Euro) an ein Bordell in La Rioja verkauft.“ Der Prostituierten wurde später der Hals aufgeschlitzt – aus Rache, weil sie geplaudert hatte.

Einmal in den Fängen der Mafia werden die jungen Frauen von Provinz zu Provinz, von Bordell zu Bordell herumgereicht. Bis über die Grenzen Argentiniens hinaus. Nach Chile, Kolumbien oder Spanien. Wie ein Ware. In BH und Unterhose lichten sie die Menschenhändler ab, verschicken die Fotos. Darauf wird am Telefon geboten und gefeilscht. Blonde Frauen kosten mehr. Aus einer Statistik der mexikanischen Regierung 2010 geht hervor, dass in Lateinamerika jährlich 250.000 Personen Opfer von Frauenhandel sind.

Nicht alle werden entführt. Oft wird den jungen Frauen eine gut bezahlte Arbeit als Kindermädchen oder Serviertochter in einer anderen Stadt oder Provinz angeboten. Die Reise ins finanzielle Glück, endet in einem „Freudenhaus“. Sie werden eingesperrt, erhalten einen neuen Namen, eine neue Identität. Vorwiegend im Norden von Argentinien, wo Armut verbreitet ist, rekrutieren Menschenhändler die Mädchen. Diese leben in wenig urbanisierten Gegenden, in dürftigen Häusern, und sind ungebildet. Wieso also Marita?

Marita Verón wuchs in einer Mittelklassfamilie auf. In einer katholischen Schule schloss sie die Grundschule ab. An der Universität studierte sie Kunst, bis 1999 ihr Traum in Erfüllung ging: Tochter Micaela kam zur Welt. Zum Zeitpunkt ihrer Entführung lebte Marita mit ihrem Freund zusammen und führte einen kleinen Lebensmittelladen in San Miguel de Tucumán.

Glückliche Zeiten: Marita Verón (rechts) mit ihrer Mutter Susana Trimarco und Tocher Micaela.

„Ich glaubte es zu Beginn nicht, was die Prostituierte meinem Mann erzählte“, so Trimarco. Es war aber die einzige Spur. Sie nahm also das Taxiunternehmen unter die Lupe. Dabei fand sie heraus, dass seine Besitzer in allerlei dunkle Geschäfte verwickelt sind, darunter in Zuhälterei. Sie reiste in die Stadt La Rioja der gleichnamigen Provinz und quartierte sich in ein Hotel ein. Sie fragte herum, ermittelte. Einwohner bestätigten ihr, man habe Marita gesehen. Sie kleidete sich als Puffmutter und schleuste sich in Bordelle ein. „Schrecklich, was ich da alles gesehen habe...wie sie die Frauen schlagen und ihnen Drogen verabreichen.“

„Mir blieb nichts anderes übrig. Wie könnte ich aufhören nach meiner Tochter zu suchen, während sie gequält, geschlagen und prostituiert wird?“, sagt Trimarco mit dünner Stimme. Sie habe ihre Arbeitsstelle aufgegeben und Häuser, Autos und den Laden von Marita verkauft, um die anfallenden Kosten für die Suche nach ihr zu bezahlen. „In Europa mögen die Menschen an die Polizei und Justiz glauben...hier nicht“, sagt sie achselzuckend.

Trimarco sammelte Zeugenaussagen, Indizien, Beweise und konnte damit schließlich die Richter davon überzeugen, dass Maritas Geschichte sehr wahrscheinlich den Tatsachen entspricht. Ihre Bemühungen führten zu zahlreichen Hausdurchsuchungen in verschiedenen Bordellen. In Argentinien, aber auch in Spanien, wo 2003 in Zusammenarbeit mit Interpol 59 lateinamerikanische Frauen gerettet wurden. Befreite Opfer der Sexsklaverei brachten weiteres Beweismaterial im Fall Verón. Etwa, dass Marita als VIP-Prostituierte gehandelt wurde. Frauen aus besseren sozialen Schichten, studierte, gehören nämlich zum besonderen Angebot im Rotlichtmilieu. Sie sind für Freier bestimmt, die zahlen können. Darunter gehören Richter, Politiker, Geschäftsleute.

Prostitution ist in Argentinien nicht verboten. Aber Bordelle, seit 1939. Dennoch: Es gibt sie an jeder Ecke. Um das Gesetz zu umgehen, werden sie als Bars, so genannte „whiskerías“ eingetragen. Sie tragen Namen wie Insel, Seifenblase oder Streicheleinheit. Sie liegen oft außerhalb von Städten, an trostlosen Landstraßen. Alle wissen es. Auch die Polizei – die nicht selten an der Prostitution kräftig mitverdient. Wird eine Whiskería hops genommen, findet sich unter den Angeklagten häufig ein Polizist. Bis es also überhaupt zu einer Hausdurchsuchung kommt, müssen zahlreiche Hürden übersprungen, korrupte Beamten umgangen werden.

Hat Trimarco nicht Angst um ihr Leben? „Wovor soll ich noch Angst haben“, winkt sie  kraftlos ab. Sie habe nichts mehr zu verlieren. Drohungen erhalte sie dauernd. Zwei Mordanschläge überlebte sie knapp. „Sie wollten mich mit einem Auto überfahren, einmal vor meinem Haus.“

Trimarco konnte die tragische „Reise“ ihrer Tochter zum Teil minutiös rekonstruieren. Bevor sie nach La Rioja verkauft wurde, hielt man sie in einem wohlhabenden Haus nahe der Stadt San Miguel de Tucumán versteckt – nur für eine Nacht – und pumpte sie mit Beruhigungsmittel voll. In La Rioja, kurz bevor die Polizei in einem Großeinsatz das Bordell durchsuchte, ließ man Marita durch eine Hintertür aus dem Freudenhaus verschwinden und verkaufte sie nach Spanien. „Ich war fünf Minuten davor entfernt, meine Tochter zu retten“, sagt sie traurig. Später sei Marita wieder nach Argentinien zurückgebracht worden. Heutzutage ereilt Trimarco vermehrt die Nachricht, dass ihre Tochter tot sei.
Durch ihren unermüdlichen Kampf hat Trimarco ein paar hundert sexuell versklavte Frauen befreit, bis Ende 2010 alleine in Argentinien rund 200. Stets über den juristischen Weg? „Ja, selbstverständlich“, sagt sie beinahe entrüstet. Ein Polizist aus San Miguel de Tucumán wusste anderes zu erzählen: „Susana, ich und meine Pistole, wie oft sind wir drei in Bordelle eingedrungen und haben Frauen befreit!“ Nun erinnert sich auch Trimarco. „Einmal fuhren wir mit zwei Nonnen zu einem Bordell.“ Die Nonnen stiegen aus, klopften an der Eingangstür, entschuldigten sich beim Türsteher, sie müssten da schnell rein, packten drinnen das gesuchte Mädchen an der Hand und verließen – sich freundlich verabschiedend – das Bordell. „Der Mann konnte gar nicht reagieren“, sagt Trimarco auflachend, „der war so baff.“ Mit Vollgas fuhren Trimarco und Co. los, „bevor die Bordellarbeiter mit Pistolen auf uns schießen konnten“.

Die Provinz Tucumán eröffnete 2007 innerhalb der Polizei eine Abteilung, die sich alleine dem Kampf gegen Menschenhandel widmet. Dank Susana Trimarco. Sie hatte es beharrlich vom lokalen Polizeichef gefordert. Darauf wurden auch in anderen Provinzen solche Einheiten aufgebaut. Im Jahr 2008 verabschiedete der argentinische Kongress eine Gesetzesvorlage: Der Menschenhandel ist neu im Strafgesetzbuch als Delikt aufgelistet. Im Verlauf des Jahres 2011 fängt endlich der Prozess gegen 13 Personen statt, die in der Marita-Entführung involviert sein sollen. Eine der Angeklagten ist die berüchtigte Bordellchefin Liliana Medina aus der Provinz La Rioja (siehe Opferbericht weiter unten). Trimarco: „Wir werden etwa 70 Zeugen aufrufen, darunter solche, die Marita gesehen haben.“

Die von Trimarco gegründete Stiftung María de los Angeles wird von Cristina Fernández de Kirchners Regierung finanziell unterstützt. Die Stiftung betreut Opfer und Familienangehörige der ausgebeuteten Frauen und nimmt Vermisstmeldungen entgegen. Die Mitarbeiter bilden außerdem Richter, Staatsanwälte und Polizisten im Kampf gegen den Menschenhandel aus und führen Sensibilisierungskampagnen an Schulen durch. Sie lehren die jungen Mädchen, wie sie sich vor einer Entführung und sexueller Ausbeutung schützen können. In Washington erhielt Trimarco für ihren unermüdlichen Einsatz 2007 die Auszeichnung „Mutige Frauen“, überreicht von der damaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice.

Auf dem runden Tisch im Wohnzimmer liegen Fotografien von ihrer Enkeltochter Micaela auf. Sie zeigen sie in einem weißen Kleid während ihrer Erstkommunion. Micaela frage sie oft: „Werde ich meine Mutter wieder sehen?“ Aber ja, bestimmt, antworte Trimarco jeweils.

„Ich werde nicht aufhören nach Marita zu suchen, bis ich sie wieder habe.“ Wenn sie tot sei, wolle sie wissen, wo sie Blumen hinlegen könne. Susana Trimarco versichert: „Einer nach dem anderen, alle werden sie dafür bezahlen, was sie meiner Tochter Marita angetan haben.“
(Camilla Landbø)

Stiftung: http://www.fundacionmariadelosangeles.org/


"Sie schoss mir ins Bein"


Andrea Darrosa wurde acht Jahre zur Prostitution gezwungen. Sie ist aus Misiones. Heute lebt sie frei  – mit Angst – in einer anderen Provinz Argentiniens, die nicht genannt  werden soll. Sie ist eine der Hauptzeugen im Fall „Marita Verón“. Ein Opferbericht.

Ich ging Brot einkaufen, an einem Nachmittag. Ich war auf dem Weg nach Hause, als mir von hinten jemand auf den Kopf schlug. Als ich erwachte, befand ich mich in einem Raum mit Rotlicht. Ich wurde einer Frau, Liliana Medina, vorgestellt. Sie sagte zu mir: „Geh in den anderen Raum, gleich ziehen wir dich um, damit du arbeiten kannst.“ Ich verstand nichts und fragte: „Was für eine Arbeit?“ „Wenn du es nicht auf dem guten Weg verstehst, wirst du es auf dem schlechten tun. Hier erklären wir dir die Dinge nur einmal.“
Schon am ersten Tag schlugen sie mich. Immer schlugen sie mich, wenn ich weinte und nicht arbeiten wollte. Sie schminkten und kleideten mich. Kurzes Röckchen und Stöckelschuhe. Ich wollte aber zurück nach Hause, zu meiner drei Monate alten Tochter, der ich immer noch die Brust gab. Ich weinte, mir wurde schwindlig, ich verlor zweimal das Bewusstsein. Ich war so traurig. Sie zogen mich an den Haaren aus dem Raum ins Bordell und drohten mir, mich umzubringen, wenn ich nicht anschaffte. Sie stellten mich einfach vor einen Freier. Ich war 15 Jahre alt.

Die Bordellchefin Liliana Medina war eine dicke, sehr böse Frau. Gewalttätig. Ich hatte absolut keine Freiheit. War eingesperrt auf ihrem Privatgut. Sie beschaffte mir einen gefälschten Identitätsausweis. Sie änderte meinen Namen. Alle Daten. Ich figurierte als ihre Tochter, Janina Medina. Ich musste sie Mammi nennen. Kaum kam ich in der Provinz La Rioja an, bleichten sie mir die Haare. Und verpassten mir blaue Kontaktlinsen. Ich durfte nirgendwohin gehen, nicht einmal zum Kiosk. Selbstverständlich wäre ich abgehauen. Wenn sie tagsüber fortging, schloss sie mich ein. Aufs Dach kam ich nicht, sie hatte einen elektrischen Zaun gezogen. Medina drohte mir dauernd mit dem Tod.

An einem Tag tauchte Medina mit einem Pülverchen auf. „Zieh es in die Nase ein“, sagte sie. „Das ist ein Medikament, damit du die ganze Nacht wach bleibst und arbeitest.“ Später begriff ich, dass das Kokain war. Von da an schnupfte ich mehrere Tage die Woche Kokain und trank Alkohol.

Acht Jahre lang war ich eingeschlossen. Ohne die Sonne und den Mond zu sehen. Von Medinas Haus aus fuhr man mich jeden Abend zu den Bordellen hin und holte mich später wieder ab. In der Nacht arbeitete ich als Prostituierte und am Tag putzte ich das Haus von Medina.

Einmal vertraute ich einem Freier. Ich redete über meine Lage und hoffte, dass er mir helfen könne. Es war ein Polizist. Er verriet mich aber. Im Grunde genommen hatte ihn Medina beauftragt, mich auszuhorchen, um zu schauen, ob ich reden würde. Sie zahlte ihn. Ich erzählte ihm also, dass ich entführt worden war, dass ich von Misiones bin, dass ich eine Tochter habe. Darauf erzählte er alles der Bordellbesitzerin. Sie brachte mich fast um. Von da an sagte ich den Freiern nur noch, ich sei von La Rioja. Ich hatte viel zu sehr Angst. Ich vergaß aber meine Familie nie. Niemals.

Immer wenn die Polizei eine Hausdurchsuchung durchführte, ließ mich die Puffmutter aus dem Bordell verschwinden. Ich war ja Minderjährig. Ich arbeitete von zehn Uhr abends bis am nächsten Tag um drei Uhr nachmittags. Jeden Tag. Ich machte pro Monat etwa 25.000 Pesos (5000 Euro). Das ganze Geld ging an Medina. Ich sah nie einen Peso. Ich schlief pro Abend mit zehn bis zwölf Männern.

Medinas Haus war die Hölle. Der Terror. Wenn die Mädchen schwanger wurden, führte Medina selber die Abtreibung durch. Sie fesselte die Mädchen ans Bett, gab ihnen eine Pille, damit sie einschliefen, und holte den Fötus heraus. An einem Tag bat ich erneut darum, dass sie mich nach Hause gehen lässt. Medina sagte zu mir: „Nur tot.“ Ich drehte durch und warf eine Tasse mit heißem Tee nach ihr. Ich rannte. Plötzlich hörte ich einen Schuss. Sie hatte mir ins Bein geschossen. Immer lief sie mit ihrer 38er im Gürtel herum. Zu einem Arzt brachten sie mich nie. Mir wurde die Wunde aufgeschnitten und die Kugel mit einer Wollnadel herausgeholt. Auch brach mir Medina eine Rippe. Ich lag zwei Wochen im Bett. Damals starb ich beinahe.

Andere Mädchen starben. Eine Brasilianerin wollte Geld, um nach Hause fahren zu können. Das Mädchen drohte mit der Polizei. Medina zog sie an den Haaren, drückte sie aufs Bett und schoss ihr in den Kopf. Dann packte sie mich und drohte mir, wenn ich jemandem etwas davon erzähle, würde sie mich ebenfalls umbringen. Später sah ich sie mit einem schwarzen Abfallssack und Schaufel durch den Raum gehen.

Ich habe Marita Verón gesehen. Aber nur einmal, an einem einzigen Tag. Medina stellte mir sie vor. Sie sei von Tucumán, ihr Ehemann habe sie hergebracht. Und dann sah ich sie nie wieder. Aber zu einem späteren Zeitpunkt, als ich mit Medina im Bett lag, denn sie zwang mich auch Dinge mit ihr zu tun, sahen wir im Fernsehen Susana Trimarco. Medina sagte bös lachend: „Wie dumm die ist, die Marita ist schon lange in Spanien.“ Ich schloss daraus, dass sie Marita Verón verkauft hatten.

Sechs Uhr früh war es. In einem Bordell. Es hatte kaum Kunden. Die Kellner, die mich normalerweise kontrollierten, schliefen und schnarchten. Ein Taxi kam, um einen Freier ins Stadtzentrum zu fahren. Ich nutzte die Gelegenheit. Ich stieg ins Taxi. Ich wusste, Medina wird mich suchen. Also reiste ich per Autostopp weiter, bis zu einem Dorf 200 Kilometer von La Rioja entfernt. Da ich kein Geld besaß, fing ich in einem anderen Bordell an zu arbeiten. Ich wollte hier die Fahrkarte nach Misiones anschaffen. Nach fünf Monaten führte die Polizei eine Hausdurchsuchungen durch. Susana Trimarco hatte sie eingeleitet. Das war im Jahr 2004. Man stieß auf mich. Ich sagte aus. Sie halfen mir, zu meiner Familie zurückzukehren. In den Bergen von Misiones hielt ich mich lange versteckt. Medina ist nämlich wieder frei. Sie hat Kaution gezahlt. Ich habe Angst. (cal)